Irmela Dvoracek | Irmela Dvoracek
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Partituren des Schweigens

Die Zeichnerin Irmela Dvoracek

„Ein Bleistift und ein leeres Blatt Papier sind die ideale Ausrüstung für eine Auseinandersetzung.“

(Pavel Kosorin, tschechischer Schriftsteller und Aphoristiker)

Ein leeres Blatt Papier – für manche Sinnbild blockierter Kreativität, für andere Symbol unbefleckter Reinheit. Für die Zeichnerin Irmela Dvoracek indes bedeutet es Anreiz und Verlockung. Mal zügig mal zögerlich erwandert sich ihr verlebendigter Strich die papierne Fläche, skizziert seine Fährten auf die jungfräuliche Schneedecke eines weiten Feldes.

Es sind keine bildmächtigen Kompositionen, die so entstehen, vielmehr filigrane Liniengebilde auf kleinem Format, die diese zeichnerische Reise zu sich selbst nur verhalten wiedergeben. Ein spröder Bleistift, eine Feder, selten ein Farbstift und zuweilen auch ein Kugelschreiber dienen ihr als Handwerkszeug. Verdichtung, Auflösung, Klärung, Konzentration – alles ist in diesen Lebensspuren enthalten, im Rhythmus geführt von unsteter Hand ähnlich der Nadelstriche eines Seismographen.

Es war John Berger, der einmal sagte, das Zeichnen sei ein Protest gegen das Verschwinden von Erscheinungen. Lange bevor sie in den Dienst der Erkenntnis gestellt wurde, galt die Zeichnung als Ritual und der Versuch, sich sukzessive an die Wirklichkeit heranzutasten. Dies Erinnern ohne die materielle Schwere des Erinnerten – es trifft in hohem Maße auch auf Irmela Dvoraceks Bilder zu, obwohl diese die Wirklichkeit gar nicht abbilden. Ihre Zeichnungen verhalten sich vielmehr zum realistischen Gemälde wie die Partitur zur gehörten Musik. Die gewebten und teils ineinander verwobenen Linien verdichten sich zu graphischen Formationen, die – so will man es sich jedenfalls vorstellen – simultan zu Musik entstanden sind.

Denn Irmela Dvoracek ist auch Musikerin. Die Verbindung ihrer Zeichnungen zur Tonkunst ist evident. Schon deren zeichenhafte Sukzession legt diesen Zusammenhang nahe, gilt die Musik ja an sich als klassische Zeitkunst. Doch wird der Betrachter vor diesen Bildern nicht in deren Zeitfluss gezwungen, vielmehr tritt das Dargestellte in der Moment-Betrachtung als Bildarchitektur in Erscheinung, ganz ähnlich einer Musik-Partitur, die den Aufbau der Komposition allein schon rein bildhaft offenbart.

Die subtil gesetzten, seriellen Zeichen lassen sogar die Unregelmäßigkeit individueller Interpretation erkennen: Sei es in den vermeintlich streng parallel geführten, verschiedenfarbigen Linien, die sich zu regelrechten Farbklängen verdichten. Sei es in den „Partituren“ genannten Serien, deren blockhafte Anordnungen den vertikalen Strich variieren oder, wie in einem anderen Blatt, horizontale Striche wie auf verschiedenen Notenlinien geführte Stimmen postieren – bis hin zu komplexen Liniengeflechten, deren Linienkörper ähnlich wie die gleichartigen verschachtelten Rechtecke aus einer weiteren Serie zwischen Planimetrie und Stereometrie changieren.

Die diesen Bildern immanente Wahrnehmung von Zeitverläufen bedarf weder der Worte noch der Musik. Dennoch erwecken sie die Vorstellung, als wären sie Musik, als würde jeder Strich zu einem musikalischen Moment. Denn Irmela Dvoracek ist Komponistin. Ihr Werk ist gewissermaßen das Stillschweigen. Wir hören Stille und sehen Partituren des Schweigens.

Dr. Friederike Zimmermann

Reduplizierte Momente

Der ironisch vervielfältige Augenblick im Werk der Zeichnerin Irmela Dvoracek

Nichts ist so flüchtig wie der Augenblick. Ein Lidschlag nur, und der Moment, der eben noch nächste Zukunft war, ist bereits unwiederbringlich dahin. Fast scheint es, als gebe es überhaupt keine Gegenwart, weil das, was man euphemistisch damit zu bezeichnen pflegt, nur den ungreifbaren, körperlosen Umschlag des Künftigen in Vergangenes darstellt. Der Satz des griechischen Mathematikers Archimedes „Gebt mir einen festen Punkt, und ich hebe die Welt aus den Angeln“, wird zumeist als das physikalische Prinzip des Hebelgesetzes missdeutet, während er in Wahrheit die zeitlos gültige Tragik der Zeiterfahrung fixiert.

Eben dies aber: die Fixierung des nicht Fixierbaren, scheint der Zeichnerin Irmela Dvoracek auf eindrucksvolle Weise gelungen zu sein. Indem ihr Stift die Erscheinung des Augenblicks festhält, wird dieser nicht etwa in tote Ewigkeit gebannt und damit, gleich einem ausgestopften Säugetier, wesen-, leb- und seelenlos musealisiert, sondern bleibend als vitaler Augenblick vergegenwärtigt, indem sein oberflächlicher Augenschein die geheimnisvolle Tiefendimension, in welcher er gründet, und den ontologischen Beziehungsreichtum, der ihn definiert, in unverbindlicher Verbindlichkeit anschaulich macht.

Ein Übriges leistet dabei das spielerisch gebrauchte Motiv der Repetition. Die sublim inszenierte Wiederholung des Identischen hebt, zur Freude des Archimedes, die Vergänglichkeit des Moments aus den Angeln, verleiht dem klanglosen Augenblick den Resonanzraum der Ewigkeit und ironisiert dergestalt die humorlos zu unentrinnbarem Schicksal hypostasierte Verfallenheit an die Zeit.

Impulse aus barockmusikalischer Fugenkunst und der surrealistischen Dekonstruktion eines Salvador Dalí verschmelzen im Werk von Irmela Dvoracek zu einer atemberaubend klangsichtbaren, postpostmodern-existenzphilosophischen Harmonie.

Prof. Dr. Albrecht Beutel